Hunger in Erzählungen und Märchen

geschwungene Linie







Hunger in Märchen und Geschichten
Hungersnöte werden in den ältesten bekannten Überlieferungen der Menschheit erwähnt. Sie sind Bestandteil von Legenden, Märchen und religiösen Überlieferungen.
In der Bibel ist der Hunger einer der Apokalyptischen Reiter. "Und ihnen ward Macht gegeben, zu töten den vierten Teil auf der Erde mit dem Schwert und dem Hunger und mit dem Tod und durch die Tiere auf Erden." (Offenbarung des Johannes 6,7). Im ersten Buch Mose (Mose 1, 41) träumt der ägyptische Pharao von sieben fetten Kühen, die aus dem Nil steigen und dann von sieben mageren Kühen verschlungen werden, die ebenfalls aus dem Nil kommen. Josef sagt daraufhin sieben gute Jahre voraus, in denen Vorräte angelegt werden müssen für sieben Dürrejahre, die folgen werden.
Der Prophet Haggai nennt sogar die Höhe der jährlichen Verluste: "Kam man zu einem Kornhaufen, der zwanzig Sack haben sollte, so waren es nur zehn, kam man zur Kelter, um fünfzig Krüge zu schöpfen, waren es nur zwanzig. Ich schickte euch Hagel, Mehltau und Getreidebrand und machte alle eure Arbeit zunichte." (Haggai 2, 16 - 17).

Auch in vielen Märchen spielt der Hunger eine große Rolle. So entschließt sich der Vater von Hänsel und Gretel dem Drängen seiner Frau nachzugeben, nachdem sie kein Brot mehr hatten und setzte die Kinder im Wald aus. Erst als sie genug Geld haben, können sie zurückkehren.
Jack wird von seiner Mutter losgeschickt um die letzte Kuh zu verkaufen:"Aber lass dich nicht betrügen, sonst müssen wir verhungern", sagt sie ihm noch und er tauscht die Kuh gegen einige Zauberbohnen.
Es gibt in Märchen verschiedene Zauberdinge, die Essen im Überfluss liefern. Da wären das Töpfchen im Märchen "Vom Süßen Brei", das Tischtuch im "Burschen der den Nordwind besuchte", das Tischlein in "Tischlein-deck-dich" und der "Zauberranzen" (aus Bulgarien).
Das "Schlaraffenland" ist ein Ort in dem Milch und Honig fließen, die Häuser aus Essen bestehen und einem die gebratenen Hühnchen und Fisch direkt in den Mund fliegen. Alles gibt es im Überfluss und alles ist sehr billig. Säufer bekommen fürs Trinken Geld, Faulenzers fürs Gähnen, glücklosen Spielern fließt das Geld zurück in die Tasche. Diese Lügengeschichte aus dem 19. Jahrhundert ist das genaue Gegenteil der alltäglichen Welt. Nahrung ist knapp und teuer und auch wer sich anstrengt bekommt nur wenig Lohn dafür.
Im Märchen ist das anders. Gute, fleißige, bescheidene Menschen bekommen ein Geschenk und trotz Neid und Missgunst können sie durch Klugheit und ihren vollen Einsatz alles zum Guten wenden.
So ergeht es dem Fischer Urashima im japanischen Märchen. Er fängt einen wunderschönen Fisch, den er aus Mitleid freilässt obwohl er seit langem keinen Fang mehr nach Hause bringen konnte. Der Fisch ist die Tochter des Meerkönigs und so wird Urashima am Ende natürlich reich belohnt.
Anders ist es beim Fischer und seiner Frau. Der Mann lässt den Fisch ziehen und der erfüllt ihm fortan alle Wünsche. Aber die Frau des Fischers ist maßlos und so verlieren sie am Ende wieder alles.
Auch in den Märchen von Hans Christian Anderson geht nicht alles gut aus. "Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen" ist ein hungerndes Kind, das sich am Sylvesterabend nicht nach Hause traut, weil es kein Geld verdient hat. Das Mädchen erfriert auf Straße, während die reichen Bürger eilig ihre letzten Besorgungen machen.
Das Schlaraffenland und auch die Geschichten von Anderson stammen aus der Neuzeit. Sie berichten nicht vom düsteren Mittelalter, sondern von der Zeit vor etwa 150 Jahren.

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