Die Mitglieder der Familie ähneln auf den ersten Blick den Schlammschnecken (Lymnaeidae). Sie haben aber ein linksgewundenes Gehäuse, fadenförmige Fühler und einen schmalen, spitz zulaufenden Fuß. Ein weiteres deutliches Erkennungszeichen ist der Mantel, der bei manchen Arten in fransigen Lappen weit über das Gehäuse geschlagen ist. Diese Mantelzipfel dienen den Tieren als sekundäre Kieme. Die Artunterscheidung ist schwierig, da es an geeigneter Literatur mangelt.

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Blasenschnecken haben sich die Adjektive "flink", "beweglich"
und "lebhaft" verdient. Sie kriechen sehr schnell und bewegen sich zusätzlich
auch noch horizontal an Schleimfäden schwebend durch das becken. bei
Gefahr lassen sie ihre Unterlage los und schlagen mit dem Fuß ums,
so dass sie unkoordiniert über den Boden rollen oder durch das Becken
treiben. Auf dise Weise versuchen sie Fressfeinden wie Egeln oder Insektenlarven
zu entkommen. Bei Blasenschnecken kann man deutlich sehen, dass Schnecken
Fluchttiere sind. Diesen Schnecken sieht man regelrecht an, dass sie in
Panik verfallen.
Diese Schnecken werden häufig mit Wasserpflanzen
ins Aquarium eingeschleppt. Da sie keine Pflanzen anfressen, aber auch
nicht wirklich gut Algen vertilgen, sind sie bei Massenvermehrungen nur
aus ästhetischen Gesichtspunkten lästig. Als Nahrung dienen weiche
Algen, Kammhaut und abgestorbenes Pflanzenmaterial. Pflanzen werden nicht
geschädigt. Die Eier werden in gallertartigen Gelegen an Pflanzen
oder andere feste Unterlagen geklebt.
Es gibt etwa 80 Arten von Blasenschnecken weltweit. Sie
werden von Taylor in 23 Gattungen unterteilt,
wobei Merkmale des Penis zur Abgrenzung dienen. 11 der Gattungen wurden
dabei erst 2003 von ihm neu aufgestellt. Wethington
(2004) schlägt dagegen vor, dass die Familie nur in zwei Gattungen
- Aplexa und Physa - unterteilt werden sollte. Die Unterschiede
im Bau der Geschlechtsorgane möchte sie als Merkmal von Untergattungen
werten. Bei dieser Unstimmigkeit zwischen den Autoren geht es aber lediglich
um eine Nomenklatorische Formalität. Es geht gewissermaßen um
die Frage ob die Art zukünftig Physella acuta oder Physa
(Physella) acuta heißen soll.
Ich folge hier den bezeichnungen von Glöer
(2002). Er unterscheidet die drei Gattungen Aplexa, Physa
und Physella in Europa an Hand ihrer Gehäuseform. Bei Aplexa
ist das Gehäuse schmal und das Gewinde höher als die Mündung.
Das Gehäuse von Physa hat eine stumpfe, abgerundete Spitze,
die Naht ist meist nicht deutlich zu sehen. Bei Physella is das
Gehäuse spitz, die Naht ist leicht abgesetzt und die Mündung
ist so hoch wie oder höher als das Gewinde.
In Aquarien findet man wohl nur die Spitze Blasenschnecke
(Physella acuta), die auch bei uns in der Natur vorkommt. Ihr
Gehäuse ist 8-12 mm hoch und 5-7 mm breit. Es hat 5 bis 6 schwach
gewölbte Umgänge. Der Mundsaum ist an der Spindelseite zu einer
flachen Lippe verbreitert. Ein schwacher Kallus bedeckt den Nabel. Die
Parietalis und die Spindel gehen nicht gerade ineinander über, sondern
treffen in einem stumpfen Winkel aufeinander. Dadurch bildet sich eine
Welle, durch welche die Mündung ohrförmig erscheint. Das Gehäuse
ist gelblich hornfarben. Da es sehr dünn ist, scheinen die dunklen
und hellen Flecken auf dem Mantel des Tieres durch. Auf der rechten Seite
ist der Mantel weit über das Gehäuse geschlagen. Diese Mantelfransen
dienen den Tieren als sekundäre Kieme, zusätzlich zur Lunge.
Die Spitze Blasenschnecke kann auch noch in stark belastetem
Wasser leben und ist dort häufig die einzige Art. Ursprünglich
stammt sie aus Südwesteuropa. Sie wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit
durch den Wasserpflanzenhandel verbreitet. Sie lebt heute überall
in Europa und auch in großen Teilen der USA. In Wasserpflanzengärtnereien
und in den Wasserbecken botanischer Gärten tritt sie meist zusammen
mit verschiedenen Schlammschnecken auf.
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Synonym werden für Physella acuta die Namen Physa acuta und Physella heterostropha (Dillon et al. 2002) verwendet. Physa natricina ist ein Synonym für Physa acuta (Rogers und Wethington 2007) und damit auch für Physella acuta.
In einer Mitteilung von 1906 wird angegeben, dass „Physa acuta“ im Aquarium den Laich von Lymnaea stagnalis und in der Natur „junge Paludinen verzehrte“ (SIGL 1906). Es ist unwahrscheinlich, dass hier die Artbestimmung korrekt ist. „Junge Paludinen“ (Viviparus sp.) sind bei ihrer Geburt etwa 5 bis 6 mm groß. Die Blasenschnecken sind nur wenig größer. Darüber hinaus sind Blasenschnecken keine Räuber und die deckeltragenden Vivipariden keine leichte Beute. In einer anderen Quelle heißt es Physa acuta fresse Hydra (MEINKEN 1950) und Laich. Tiere dieser Art wurden von Poenicke (1906) nach eigenen Angaben fälschlich als Physa fontinalis bestimmt. Eine Nachbestimmung durch Professor Dr. Böttger (Frankfurt) ergab aber, dass die Tiere von Poenicke mit der Physa acuta aus Südfrankreich identisch seien, die er selbst gesammelt habe. Das größte Tier soll 15,5 mm hoch gewesen sein.
Die ebenfalls bei uns heimische Quellblasenschnecke (Physa fontinalis) kann man leicht von der Spitzen Blasenschnecke unterscheiden, da bei ihr der Mantel auf beiden Seiten in fransigen Lappen über das Gehäuse geschlagen ist. Das Gehäuse ist 7-12 mm hoch und 4-7 mm breit. Es ist eiförmig mit einem sehr kurzen stumpfen Gewinde, und hell- bis dunkelbraun und glänzend. Das Muster auf dem Mantel scheint durch. Die Tiere werden etwa 1 Jahr alt. Von April bis September werden Eiballen mit 10-30 Eiern abgelegt. Die jungen Schnecken schlüpfen nach 2-4 Wochen. Diese Art lebt in klaren, pflanzenreichen Fließ- und Stillgewässern.
Das Gehäuse der Moosblasen- oder Moorpuppenschnecken
(Aplexa hypnorum) ist 9-15 mm hoch und 4-6 mm breit. Es ist
schlank spindelförmig, gelb bis rotbraun und glänzend. Die Windungen
sind nur schwach gewölbt. Die Gelege enthalten 15 bis 35 Eier, aus
denen nach zwei bis drei Wochen die Jungen schlüpfen. Diese Art lebt
in Wald- und Wiesentümpeln, die regelmäßig austrocknen.
Sie ist in Deutschland weit verbreitet und kommt bis nach Sibirien vor.
Die Art soll in Japan eingeschleppt worden sein. Die Tiere werden etwa
ein Jahr alt.
In diesen Schnecken wurden vor einigen Jahren zum ersten
Mal in Frankreich Trematoden-Larven von Schistosoma-Erregern gefunden.
In den Schnecken enthaltene Cercarien wurden der Art Heterobilharzia
americana zugeordnet. Sie verursachen beim Menschen eine so genannte
"Badedermatitis". Bis dahin waren Infektionen von Blasenschnecken mit diesen
Erregern unbekannt (Gérard 2004).
zitierte Literatur:
Dillon, R. T.; Wethington, A. R.; Rhett, J. M. & Smith, T. P. (2002): Populations of the European freshwater pulmonate Physa acuta are not reproductively isolated from American Physa heterostopha or Physa integra.- Invertebrate Biology, 121: 226-234
Gérard, C. (2004): First occurrence of Schistosomatidae infecting Aplexa hypnorum (Gastropoda, Physidae) in France.- Parasite Jun ; 11(2), 231-234
Glöer, P. (2002): Die Süßwassergastropoden Nord- und Mitteleuropas.- Die Tierwelt Deutschland Band 73
Meinken, H. (1950): In den Mitteilungen des “Roßmäßler” Bremen.- DATZ 3, 12-13
Poenicke (1906): Kleine Mitteilungen – Bemerkenswerte Funde.- Blätter für Aquarien- und Terrarienkunde 17, 169
Rogers, D.C.; Wethington, A. (2007): Physa natricina Taylor 1988, junior synonym of Physa acuta Draparnaud, 1805 (Pulmonata: Physidae).- Zootaxa 1662: 45–51 (2007)
Sigl, C. (1906): Kleine Mitteilungen – Physa acuta fressen den Laich von anderen Schnecken?- Blätter für Aquarien- und Terrarienkunde 17, 17-18
Taylor, D.W. (2003): Introduction to Physidae (Gastropoda: Hygrophila); biogeography, classification, morphology.- Rev. Biol. Trop. 2003 51 Suppl 1, 1-263, 265-287
Wethington, AR (2004): Family Physidae. A supplement to the workbook accompanying the FMCS Freshwater Identification Workshop, University of Alabama, Tuscaloosa, 24 pp
© Wilstermann-Hildebrand 2009