Muschelkrebse

geschwungene Linie

Manchmal treten im Aquarium Muschelkrebse auf. Meistens werden sofort Hilferufe nach wirksamen Bekämpfungsmethoden laut, weil die unbekannten Tiere ja mögliche Parasiten sein könnten. Tatsächlich ernähren sich die Muschelkrebse im Süßwasser von Bakterien und Algen und sind für Fische, Garnelen und Schnecken ungefährlich. Meist verschwinden die Tiere nach einigen Tagen oder Wochen von alleine wieder, so dass eine Bekämpfung gar nicht notwendig ist.

Allgemeines über Muschelkrebse

Zebra-Muschelkrebs

Zebra-Muschelkrebs (Cypridopsis vidua)

Zebra-Muschelkrebs

Auf der leeren Schale des Zebra-Muschelkrebses sind deutlich Haare zu sehen.

Muschelkrebs aus einem Aquarium

Dieser Muschelkrebs mit zwei verschieden großen Schalenklappen wurde als Tanycypris centa identifiziert.

Muschelkrebs aus einem Aquarium

Strandesia bicuspis ist ein Muschelkrebs mit Dorn auf dem Rücken.

Zähne am rand der linken Schalenhälfte

Strandesia bicuspis hat am Rand der linken Schalenhälfte Zähne.

Muschelkrebse (Klasse Ostracoda) sind weit verbreitete Krebstiere. Es gibt sie bereits seit dem Silur vor mehr als 400 Millionen Jahren. Sie sind Leitfossilien und spielen in der Mikropaläontologie eine wichtige Rolle. Sie geben unter anderem Auskunft über Klimaveränderungen und Salzgehalte in Gewässern. Mit ihrer Hilfe kann man bei Probebohrungen auch auf das Vorhandensein von ErdÖl schließen.
Es gibt es etwa 13.500 heute lebende Muschelkrebs-Arten. Dazu kommen noch einmal etwa 30.000 fossile Formen. Die meisten leben im Meer. Es gibt die Tiere aber auch im Süßwasser und in feuchten Moospolstern. In Europa leben etwa 250 Arten. über 100 gibt es in Deutschland.
Die verschiedenen Muschelkrebsarten sind an unterschiedliche Habitate (Seen, temporäre Tümpel, Quellen) angepasst und kommen darum nicht überall vor. Bei Untersuchungen der Fauna im Kalkquellmoor "Benninger Ried" bei Memmingen in Bayern wurden 15 Arten von Muschelkrebsen gefunden. Bis zu 9 Arten kamen zusammen in den einzelnen Proben vor. Etwa 50 % aller gesammelten Tiere wurden als Cyclocypris ovum identifiziert. Scottia pseudobrowniana machte 25 % aus und Psychodromus olivaceus und Herpetocypris brevicaudata 8 bzw. 6 %. Die übrigen Arten wurden nur in sehr geringen Individuenzahlen gefunden. In Mecklenburg-Vorpommern wurden in 33 verschiedenen Seen 47 verschiedene Arten gefunden. Sie gehören unter anderem zu den Gattungen Candona, Pseudocandona, Fabaeformicandona und Physocypris.

Körperbau und Fortpflanzung

Größe und Form der Tiere ist aber in Abhängigkeit der Temperatur, Nahrungsangebot und Wasserparametern zum Teil veränderlich. Wegen der geringen Größe der Tiere ist ein Mikroskop ein wichtiges Hilfsmittel bei der Identifikation. Die Bestimmung ist nicht ganz einfach. Muschelkrebse haben eine stark reduzierte Segmentenzahl. Während der Körper anderer Krebstiere deutlich in Kopf, Rumpf und Schwanz gegliedert ist, sind bei den Ostracoden der Rumpf und der Schwanz stark verkürzt und reduziert. Sie haben einschließlich ihrer Antennen nur 5 bis 7 Extremitätenpaare. Die meisten Extremitäten setzen am Kopf an. Dort befinden sich zwei Paar Antennen, die zum Schwimmen und klettern dienen und die Mundwerkzeuge (Mandibeln, Maxillen, Maxilulae). Am Rumpf sind bei einigen Arten ein oder zwei Paar Beine. Der ganze Körper ist seitlich abgeflacht und von zwei Schalenklappen vollständig umschlossen. Am Rücken sind die Schalen durch Schloss und Ligament verbunden. Die Ostrakodenschale besteht aus zwei am Rand verwachsenen Schichten, der Aussen- und Innenlamelle. Die Innenlamelle ist unverkalkt. Die Außenlamelle ist aus drei Schichten aufgebaut. Ganz außen ist die Epicuticula. Das ist eine wachsartige Schicht aus Lipiden, Polyphenolen und Proteinen, durch die darunter liegende Schichten geschützt werden. Bei Fossilien ist sie nicht erhalten. Die mittlere Schicht ist die Exocuticula. Sie besteht aus Calcitkristallen und eine Chitin-Protein-Komplex, der ein elastisches Gerüst bildet in das die Calcitkristalle dachziegelartig eingebettet sind. Diese Schicht bildet die Skulptur (Falten, Dornen, Granula, Warzen etc.). Ganz innen liegt die Endocuticula. Sie ist aufgebaut wie die Exocuticula, aber die Calcitkristalle sind nicht so dicht gelagert. Bei planktonisch lebenden Arten ist der Calcitanteil geringer und die Schalen darum leichter. Sie lagern zusätzlich Öle in ihrem Körper ein und können damit besser schweben und schwimmen. Fossile Formen aus dem Kambrium bildeten eine Schale aus Phosphat.
Bei den meisten Muschelkrebsen ist das Blutgefäßsystem stark reduziert. Nur ursprüngliche Formen aus der Gruppe der Myodocopa haben noch ein Herz und eine Arterie. Die Atmung erfolgt allein über die Oberfläche des Weichkörpers. Die Tiere nehmen ihre Umwelt vor allem über chemische Reize, elektrische Impulse und mit dem Tastsinn war. Die meisten Arten verfügen dazu über ein Naupliusauge oder zwei seitliche Medianaugen, die zur Wahrnehmung von Licht dienen. Nur bei den Myodocopa gibt es Komplexaugen.
In der Regel paaren sich Männchen und Weibchen vor der Eiablage. Die Spermien der Ostracoda sind 8- bis 10- mal so lang wie ihre Körper und gelten als die längsten im Tierreich. Sie dringen bei der Befruchtung vollständig in das Ei ein und liegen dann zusammengerollt in der Eihülle bis sie resorbiert werden. Die Arten aus temporären Gewässern sind aber oft parthenogenetisch. Es treten bei ihnen nur selten Männchen auf. Von einigen Arten sind manchmal an den Fundorten gar keine männlichen Tiere bekannt.
Die Weibchen legen die Eier im freien Wasser, an Pflanzen oder auf Krebstieren ab. Einige betreiben Brutpflege. 4 bis 60 Jungtiere tragen sie in einem Brutraum unter ihren Schalen. Es werden 5 bis 7 Larvenstadien und Häutungen durchlaufen.

Muschelkrebsarten und ihre Lebensweisen

Cyclocypris ovum lässt sich zum Beispiel von Bombina variegata tragen, in dem er einen Hautfetzen der Unke zwischen seinen Schalenhälften einklemmt. Sie sind meist weniger als einen bis wenige Millimeter groß. Die grÖßten heute lebende Muschelkrebse sind die marinen Gigantocypris-Arten mit bis zu 33 mm Länge/Durchmesser. Die fossilen Leperditera wurden bis 10 cm lang. Die Süßwasserformen gelten schon bei einer Körperlänge von mehr als 2 mm als groß. Der afrikanische Riesenmuschelkrebs Liocypris grandis, der in Südafrika in temporären Tümpeln lebt, gilt mit seinen 5 mm Körperlänge als Riese unter den Muschelkrebsen. Auch aus Australien kennt man "giant ostracods". Die australischen "Riesenmuschelkrebse" gehören zu den Gattungen Australocypris, Mytilocypris und Trigonocypris. Sie sind 2 - 4 mm groß und damit riesig im Vergleich zu normalen Muschelkrebsen.

Man findet sie auch in temporären Kleingewässern. Sie vermehren sich dort oft parthenogenetisch (Jungfernzeugung) und haben sehr kurze Generationsfolgen. Männchen treten dann sehr selten auf oder wurden bisher nicht gefunden. Es werden Dauereier gebildet, die lange Trockenzeiten überstehen können und auch die Adulten können mit geschlossenen Schalenklappen lange ohne Wasser auskommen. Muschelkrebse können nicht über Land wandern. Ihre Verbreitung erfolgt passiv. Die Eier können mit dem Wind verdriftet werden. Die Adulten haften an Tieren (Wasservögeln) oder Pflanzen. Manche Muschelkrebse werden von Amphibien und anderen Tieren (Vögel) gefressen ohne Schaden zu nehmen. Sie werden dann mit den Ausscheidungen der Tiere verbreitet. Arten aus der Gattung Elpidium werden auf diese Weise von dem Frosch Scinax perpusillus von einem Bromelientrichter zum anderen verschleppt. Da fragt man sich, wie oft eine Kaulquappe wohl ein und denselben Muschelkrebs frisst, bevor sie ihre Entwicklung abgeschlossen hat und den Trichter verlässt.
Andere Muschelkrebse wählen gezielt andere Tiere als Transportmittel aus. Diese Verwendung von Transportwirten wird als Phoresie bezeichnet.Es sind auch Arten aus der Familie Entocytheridae (z. B. Dactylocythere, Ascetocythere, Donnaldsoncythere, Phymocythere, Enthocythere, Cytherites) bekannt, die auf Krebsen (z. B. Cambarus, Procambarus, Orconectes sp.) sitzen und ihre Eier auf ihnen ablegen. Diese Arten sind auf den Krebs angewiesen, um sich vermehren zu können. Dabei nimmt das Wirtstier keinen Schaden. Es dient lediglich als Transportmittel oder wird abgeweidet (Kommensalismus). Spätestens nach der nächsten Häutung ist er die Muschelkrebse wieder los. Die Tiere haften sich und ihre Eier mit Filamenten an, die sie mit Hilfe von Drüsen an ihren Antennen spinnen.
Es gibt Beobachtungen von Aquarianern, dass Muschelkrebse sich auch an Garnelen anhaften. Möglicherweise irritiert das die Garnelen. Sie werden aber nicht angestochen oderanders verletzte.
Die meisten Muschelkrebse leben von Detritus, als Filtrierer von Algen und Bakterien. Sie wandern am Boden herum oder klettern an Pflanzenstängeln entlang. Die Vertreter aus der Familie Cyprididae sind Aasfresser sie kommen oft in Scharen an toten Schnecken im Süßwasser vor. Räuber sind selten unter den Muschelkrebsen. Im Süßwasser sind es Dolerocypris sinensis, Cypridopsis vidua, Eucypris fuscatus und Physocypria sp., die Eier vom Amerikanischen Grünfrosch (Rana clamitans) fressen. Unter den marinen Arten gibt es dagegen einige Räuber. Gigantocypris-Arten leben in Tiefen von etwa 900 bis 1300 m. Lebende Tiere sind orangerot. Sie haben ein Paar riesiger Augen. Sie sehen nicht mit Hilfe einer Linse, sondern mit Spiegeln, die wie Parabolantennen, das Licht im Zentrum bündeln. Damit nimmt der Muschelkrebs vermutlich die Biofluoreszenz seiner Beutetiere war. Diese etwa Tischtennisball großen Muschelkrebse fressen nämlich Fische. Sie gehören zu den brutpflegenden Arten.
Eine andere räuberische Art ist Vargula hilgendorfii. Die Tiere sind 2 bis 3 mm groß und leben in japanischen Küstengewässern in Tiefen von 0,5 bis 5 m. Sie leben nahe am Boden und sind schlechte Schwimmer. Die Tiere sind ovovivipar. Das bedeutet, dass die Larven im Körper der Mutter aus dem Ei schlüpfen. Nach der Paarung trägt das Weibchen bis zu 60 Eier in einer Bruttasche. Die Tiere durchlaufen 4 bis 5 Larvenstadien und werden von der Mutter in einer Vollmondnacht freigesetzt wenn sie sich zu schwimmenden Juvenilen entwickelt haben. Die Entwicklung bis zum adulten Tier dauert etwa 4 bis 5 Monate. Die Lebenserwartung der erwachsenen Tiere liegt bei etwa 6 Monaten. Tagsüber verstecken sie sich im Sand. Die Tiere sind nachtaktiv und haben ein sehr gutes Sehvermögen. Sie sind Räuber und fressen Sandwürmer und andere Tiere, die sie in Schwärmen angreifen. Das besondere an den Tieren ist, dass sie eine blau leuchtende Substanz (Vargulin) abgeben können. Dazu spucken sie aus einer Drüse in ihrer "Oberlippe" ein Enzym und ein Substrat aus. Diese beiden Substanzen reagieren und dabei wird ein blaues Licht frei. Darum werden sie als "Sea-Fireflys" (Meeresglühwürmchen, japan. umi-hutaro) bezeichnet.

Muschelkrebse im Aquarium

In Süßwasseraquarien treten mindestens drei Arten regelmäßig auf.

Der Zebra-Muschelkrebs Cypridopsis vidua ist eine sehr kleine Art mit maximal 0,7 mm Schalenlänge. Er hat ein weites Verbreitungsgebiet und kommt sowohl in Europa, als auch in Südamerika vor. Die Tiere fressen Aas, Diatomeen und organische Abfälle. Sie wandern am Boden herum oder schwimmen in wenigen Zentimetern Höhe. Typisch sind die drei dunklen Streifen auf hell grünem oder gelbem Grund. Mit bloßem Auge sind die Tiere nur als dunkle, wimmelnde Punkte zu sehen.

Tanycypris centa wurde gerade erst in Süd-Korea gefunden und 2012 als neue Art beschrieben. Typisch sind bei dieser Art die zwei ungleich großen Schalenhälften. Die linke Hälfte ist vorne und hinten länger als die rechte. Diese Art wird etwa 2,6 mm groß.

Strandesia bicuspis kommt in überschwemmungsgebieten vor. Das Verbreitungsbiet umfasst Brasilien, Argentinien, Kolumbien, Surinam und Paraguay. Es wurden einmal auch Tiere in Frankreich gefunden. Die Schalen erwachsener Tiere sind etwa 2,2 mm lang und 1,1 mm hoch. Charkteristisch ist der Dorn auf dem Rücken. Am Rand der linken Schalenhälfte sind Zähne.

Bei mir treten Muschelkrebse regelmäßig in den Schnecken-Aquarien auf. Dder bedornte Muschelkrebs und der Zebra-Muschelkrebs treten immer wieder zusammen in einem Aquarium mit Taia naticoides auf. Weitere Bewohner des Beckens sind Wassermilben und Wimperntiere. Der kleinere Zebra-Muschelkrebs ist vor allem im Mulm am Boden zu finden. Die größere Art sitzt meist an den Stängeln und Blättern von Najas. Keine der drei Arten hat bisher die Vermehrung oder das überleben der Schnecken negativ beeinflusst. Manchmal vermehren sie sich explosionsartig, dann sind sie plÖtzlich wieder alle verschwunden.
Woher die plÖtzlich massenhaft auftauchenden Muschelkrebse im Aquarium kommen ist etwas unklar. Die Tiere oder die Eier können an Pflanzen oder Garnelen kleben oder auch im Darm von Fischen oder Schnecken ins Becken gelangen. Ein einzelnes Weibchen einer parthenogenetischen Art kann schnell 30 oder 40 Jungtiere frei setzen. Solange genug Futter vorhanden sitzt werden die Tiere vermutlich am oder im Boden bleiben oder an Pflanzen herumklettern. Auffällig werden sie dann erst, wenn sie beginnen zu Schwimmen und nach neuer Nahrung suchen. Vielleicht Paaren sie sich aber auch und legen Eier, bevor sie sterben. Einige Wochen oder Monate später tauchen dann aus den Eiern neue Muschelkrebse auf.
Eine Bekämpfung ist nicht möglich und auch nicht notwendig.

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Literatur (Auszug):

Horton H. Hobbs, Jr. (1971): The Entocytherid Ostracods of Mexico and Cuba.- Smithonian Contributions to Zoology Number 81

L. C. S. Lopez et al. (2002): Bromeliad ostracods pass through amphibian (Scinaxax perpusillus) and mammalian guts alive.- Hydrobiologia 485, 209-211

B. Seidel (1990): Phoretische Verbreitung der Muschelkrebsart Cyclocypris ovum (Crustacea: Ostracoda) durch Amphibien: FÖrdernde Ökologische und ethologische Faktoren.- Herpetozoa 3 (1/2): 55-66

Geologisches Lexikon - Ostracoda

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