"In-vitro" bedeutet im (Reagenz-) Glas und bildet
das Gegenstück zu "in vivo", was so viel bedeutet wie "im lebenden
Organismus". In-vitro-Verfahren sind allgemein solche biotechnischen Vorgänge,
bei denen das Versuchsobjekt unter kontrolierten Bedingungen, unabhängig
von den vielfältigen anderen Faktoren der belebten Außenwelt,
in einem Reagenzglas oder einer Petrischale beobachtet wird. Auf diese
Weise können Ursache und Wirkung von Stoffwechselvorgängen erforscht
werden. Als Beispiel kann man die Reaktion von einzelnen Zellen (Bakterien,
isolierten Nerven-, Muskel- oder Krebszellen) auf Antibiotika, Pilzgifte
oder Strahlung untersuchen.
Die in-vitro Kultur von Pflanzen wird bereits seit über 30 Jahren angewandt. Es handelt sich dabei um eine Form der vegetativen Vermehrung, die sich das Wissen um die hormonelle Regulierung im Pflanzenkörper zu Nutze macht. Während man bei der Vermehrung durch Stecklinge auf die selbstproduzierten Hormone der Pflanze in Triebspitze und Blattknoten angewiesen ist, werden in-vitro die Hormone künstlich zugeführt, um Wurzelbildung und Neuaustrieb zu erreichen.
Die zeitaufwendige und teure Vermehrung im Labor lohnt sich nur, wenn es sich um spezielle Pflanzen handelt. Wenn man zum Beispiel einen Kreuzungsversuch macht, kann es sein, dass von 500 oder 1000 Sämlingen zwei oder drei interessante Eigenschaften zeigen. Manchmal findet man auch einen interessanten Sämling mit unbekannten Eltern (z. B. Apfelsorte ´Boskoop´) oder es treten spontane Mutationen an Triebspitzen auf. Nun steht man vor dem Problem aus einer Pflanze eine Million zu machen. Besonders bei langsam wachsenden Pflanzen wie Gehölzen ist es schwierig eine Massenvermehrung durch Stecklinge zu erreichen. Dazu kommt, dass nicht jeder Steckling anwächst und mit jedem Schnitt an der Mutterpflanze Pforten für Krankheitserreger geöffnet werden. Aber auch die Vermehrung von krautigen Pflanzen ist manchmal schwierig. So bildet die Echinodorus-Sorte ´Apart´ zum Beispiel weder Blüten noch Ableger und die ertragreichsten Spargelsorten sind rein männlich. Tatsächlich werden in der Spargelproduktion lediglich männliche Pflanzen angebaut, weil die weiblichen Pflanzen einen Teil ihrer Energie in die Produktion von Früchten investieren und darum weniger Ertrag bringen. Rein männlichen Sorten kann man aber nur durch Teilung vermehren oder eben im Labor. Denn zumindest theoretisch benötigt man für die Vermehrung einer Pflanze im Labor nur eine einzelne Zelle, aus der dann ein genetisch identisches Doppel - ein Klon - der Mutterpflanze entsteht.
Es gibt verschiedene Formen von in-vitro Kultur. Am häufigsten
werden Meristeme (aus Triebspitzen, Blattachseln, Blütenanlagen) oder
Explantate (Stücke aus den Blättern, Stängeln oder Wurzeln)
verwendet. Die Meristeme sind - wenn im Labor sorgfältig gearbeitet
wird - frei von Bakterien und Viren. Es handelt sich um Teilungsgewebe
und damit um die jüngsten Zellen der Pflanzen. Sie sind durch verschiedene
Schichten von Blattanlagen von der Umwelt abgeschnitten. Sie sind winzig
und selbst unter dem Binokkular nur mit Mühe zu sehen. Explantate
können dagegen mehrere Zentimeter groß sein. Sie sind ihrer
Umwelt direkt ausgesetzt und sind in jedem Fall mit Bakterien, Algen und
Pilzen überzogen. Das ist für die lebende Pflanze nicht von Bedeutung,
für das abgeschnitte Blatt- oder Stängelstück ist das aber
gefährlich. Darum werden die Explantate mit unterschiedlichen Verfahren
desinfiziert. Hierbei können sie beschädigt werden und ihre Lebensfähigkeit
verlieren, wenn das Desinfektionsmittel nicht nur die Fremdorganismen,
sondern auch die Pflanzenzellen angreift. Es erfordert etwa Erfahrung und
Fingerspitzengefühl, um pflanzliches Material zu etablieren. Darum
reicht in der Praxis auch eine Pflanze nicht aus. Abhängig davon wie
empfindlich die Art oder wie hartnäckig die Keime sind, benötigt
man für die Etablierung im Labor 10 bis 20 oder etwa 1000 Pflanzen
oder Samen um etwa fünf bis zehn neue Kulturansätze zu bekommen.
Um Keimfreiheit zu ermöglichen, werden die Pflanzen
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Alle Materialien werden mit Druck und Hitze
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Trotz der Sorgfalt kommt es vor, dass sich Pilze
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Sehr selten kommt es vor, dass zu einem späteren
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Bei anderen Verfahren wird nur mit Einzelzellen gearbeitet. In der Protoplastenkultur werden von entnommenen Pflanzenteilen durch Enzyme die Zellwände abgelöst. Danach ist der Zellinhalt (Chloroplasten, Mitochindrien, Zellkern etc.) nur noch von der Zellmembran umschlossen wie Reis in einem Kochbeutel. Diese Zellen können dann mit anderen kombiniert werden. Das entspricht in etwa der in-vitro Fertilisation (Befruchtung im Reagenzglas). Nur das dabei keine Ei- und Samenzellen, sondern Körperzellen verwendet werden.
Bei der Meristemkultur bildet sich aus jedem überlebenden Meristem direkt eine neue Jungpflanze. Bei der Verwendung von Explantaten bildet sich zuerste ein Kallus. Das ist undifferenziertes Gewebe, dass wiederholt geteilt werden kann. In dieser Form ist eine Pflanze in-vitro lagerbar. Sie bleibt in diesem Stadium und teilt sich weiter und wird umgebetettet und vermehrt, bis Hormone zugeführt werden, die die Bildung von Wurzeln, Stängeln und Blättern anregen. Es kommt vor, dass die Pflanzen mit der Zeit Schaden nehmen und sich nicht mehr auf die Gewächshauskultur umstellen lassen, Verkrüppelungen zeigen oder keine Pflanzen mehr aus dem Kallus hervorgehen können. Dann muss die Pflanze neu etabliert werden. Das ist aber erst nach mehreren Jahren der Fall.
Nachdem das pflanzliche Gewebe desinfiziert wurde, wird
es auf ein steriles, abgekochtes Nährmedium gelegt. In der Regel wird
dafür Agar verwendet. Eine gelatineartige Masse, die ursprünglich
aus Algen gewonnen wurde. Dieser Masse werden Mikronährstoffe, Hormone
und Vitamine zugesetzt. Anders als die vollständige Pflanze kann das
Meristem oder der Kallus keine Vitamine bilden und ist darum auf eine Versorgung
von außen angewiesen. Die genaue Zusammensetzung des Mediums hängt
von der Pflanzenart und der Art der Vermehrung ab. Die Protoplastenkultur
erfolgt zum Beispiel in einer Flüssigkeit und die Kalluskultur auf
einem festen Medium. In einem klimatisierten und beleuchteten Raum werden
die Kulturgefäße aufgestellt.
In solchen Klimakammern werden die Pflanzen
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Millionen von Pflanzen stehen so auf engstem Raum. |
Echinodorus in in-vitro Kultur. |
Anubias in in-vitro-Kultur. |
Nun beginnen die Zellen sich zu teilen. Das Meristem beginnt
eine Jungpflanze zu bilden, die genetisch mit der Mutterpflanze identisch
ist. Das Explantat bildet am Rand den undifferenzierten Kallus aus. Nach
einigen Wochen wird der Kallus unter sterilen Bedingungen in kleinere Stücke
geteilt und wächst auf einem neuen Medium weiter. Das wird so oft
wiederholt, bis ausreichend Material vorhanden ist. Dann wird der Kallus
nach dem Teilen auf ein Medium gelegt, der eine andere Hormonzusammensetzung
hat und die Bildung von Wurzeln, Sproßen und Blättern ermöglicht.
Bis nach der Etablierung die ersten Pflanzen so groß sind, dass sie
in einer Gärtnerei eingetopft werden können, vergeht etwa ein
Jahr. Eine Aquarienpflanze muss dann noch etwa 8 bis 12 Wochen in einem
Gewächshaus kultiviert werden, bevor sie verkauft werden kann.
In-vitro Pflanzen vor dem Topfen.
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Manchmal geht auch etwas schief:
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Die in-vitro Kultur wird für viele verschiedene Pflanzen genutzt. Vor allem Orchideen werden auf diese Weise vermehrt. Aquarienpflanzen machen nur einen geringen Teil aus.
In vitro vermehrte Wasserpflanzen (in Tausend)
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| Alternanthera* |
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| Anubias |
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| Cryptocoryne |
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| Echinodorus |
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| Diverse Wasserpflanzen |
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* darunter auch Arten für die Gartenkultur
(c) Wilstermann-Hildebrand 2008